“Darf ich fragen, warum Sie es unbedingt auf Papier haben wollen?”
“W-E-I-L  I-C-H  E-S  S-O  W-I-L-L!!!”, hat er sodann auf meine Frage mit weit geöffneten Augen reagiert.

Während ich stillschweigend noch dabei war, zu realisieren, dass diese Szene sich gerade vor mir abspielt, machte ‘er’ mit seinen Demütigungen weiter. Und das in aller Öffentlichkeit.. Übrigens.. dies habe ich heute in einem Vorstellungsgespräch mit einer von außen und innen schick aussehenden Firma erlebt.. in einem etwa fünf minütigen Vorstellungs(?)gespräch… Was für ein Erlebnis! Ich habe das Bedürfnis darüber zu reflektieren, denn ich habe heute während eines Spaziergangs an der Donau viel über Werte und Gerechtigkeit nachgedacht.. und wieder ein Stückchen in meiner Feinheit geschliffen worden, während ich die Vögel auf dem Eis und im Wasser beobachtete.

(c) Su Fee G.; DuoSouL Photography

Zugegeben, ich habe nicht erwartet, den Tag mit dieser Art von Frechheit und Aggressivität zu starten, bin sozusagen böse überrascht worden und hab mich -bewusst oder unbewusst- entschieden, zu schweigen.. Ich habe mich entschieden zu schweigen, da ich, auch wenn nur einen Moment, hinter seinen Masken zuschauen konnte und nicht wirklich wusste, was ich ihm am besten sagen könnte.. ohne frech und verletzend zu sein… ich musste mich ja nicht auf sein Niveau begeben, nur weil er mich gerade so hässlich fertiggemacht hat! Aber für den Schutz meiner Grenzen (mein Glaube und meine Werte) war immerhin ich selber verantwortlich und dies erforderte eine klare Aussprache dessen, was die Sache ist.

Diese habe ich heute nicht gut beschützen können.. egal! Nach diesem ‘Eindringling’  habe ich meine Werte noch einmal klarer sehen und definieren können.

(c) Su Fee G.; DuoSouL Photography
Es ging, um offen zu sein, um ein Stück Papier, auf dem mein Lebenslauf bedruckt sein sollte. Ich fand es sowieso schon komisch, dass so ein Arbeitgeber es von einem Bewerber verlangt, bitte seine Bewerbungsunterlagen ‘noch einmal’ ausgedruckt mitnehmen soll. Und da ich seit einiger Zeit versuche, unserem Planeten zuliebe mein rücksichtsloses Konsumverhalten zu ändern, habe ich stattdessen mein iPad mitgenommen, um ‘eine’ Verschwendung zu vermeiden.

“Du hast nur eine Sache zu tun und du tust nicht einmal das, was ich dir sage..”

(c) Su Fee G.; DuoSouL Photography
Moment..? Bin ich hier in einem Vorstellungsgespräch oder bin ich hier bereits angestellt? Wer war überhaupt dieser Mann, der von mir verlangte (und das war keine Bitte), dass ich das tue, was er mir sagt? Nur eine Sache zu tun? Denkt er wirklich, dass mein Leben nur daraus besteht? Mir war es schon klar, dass ich hier nicht arbeiten möchte, wo meine Werte gar keinen Klang finden. Für ihn war es nämlich keine Verschwendung und er wollte es ja auch so! Das war ja das schlaggebende! Aber bitte.. falls mir jemand den Sinn und Zweck von einem ausgedruckten Lebenslauf, der nach einigen Minuten wieder in den Müll landet, erklären kann, möchte ich zuhören. Seine Antwort darüber übrigens.. fand ich auch einzigartig: “ja natürlich HAU ich’s weggg!!!”

(c) Su Fee G.; DuoSouL Photography
Wieso nehmen sich Arbeitgeber (es sind einige da draußen..) eigentlich das Recht, Bewerber so auf Prüfungen zu stellen, sie auszulachen und fertigzumachen? Sich so zu verhalten, dass man schon bereits vor einem Vorstellungsgespräch alles über die Firma wissen soll? Von meiner Perspektive aus kann ich sagen, dass ich es sowas von unsympatisch finde, wenn man mich fragt: “und.. was wissen Sie schon über unsere Firma, Projekte und so weiter und so fort..”. Keine Ahnung! Das ist doch ein VORSTELLUNGsgespräch; das erwarte ich doch von Ihnen!? Wissen Sie überhaupt, wen Sie eingeladen haben? Wieso frage ich nie, was sie schon über mich wissen aber erzähle stattdessen alles selber? Moment mal.. ich will doch auch aussuchen, mit wem und wo und wie ich arbeite..!?

Ich hatte eine Blockade, die mich davon abgehalten hat, in dem Gespräch rechtzeitig zu reagieren, aber ich merke, man muss mittlerweile laut Stop sagen, denn kaum jemand kennt seine Grenzen mehr. Zwar spät aber trotzdem erhebe ich jetzt meine Stimme. Wenn ich dieses Erlebnis als mein Spiegelbild sehe, sehe ich auch, dass ich meine eigenen Grenzen auch nicht kenne. Und mir geht es in diesen Reflektionen auch nur darum.. Wenn ich meine Grenzen nicht offenlege, kann der andere seine Grenzen auch nicht abschätzen, und das führt von einer Ungerechtigkeit zu der anderen. Wenn ich mir selbst nicht gerecht bin, dann lass ich mir schon die größte Ungerechtigkeit antun und dementsprechend bin ich meinem Umfeld ungerecht. Und so spiegelt es sich leider weiterhin gegenseitig..

Wer sagt eigentlich, was mehr und was weniger wert ist? Wie wird der Wert eines Menschen gemessen? Ich habe in meiner langen Jobsuche gesehen, dass hier die Werte nach Produktivität und nach fancy aussehenden Portfolios gemessen werden.

Aber ich bin nicht perfekt und will das auch nicht sein. Ich bin nicht besonders schnell und versuche doch im Gegenteil gerade alles in meinem Leben zu verlangsamen. Ich wollte in meinem Leben mehr als ein ‘Pferd’ sein, so war ich manchmal die langsame und weise Schildkröte, manchmal die hässliche Raupe, dann der schöne Schmetterling, manchmal ein freier Vogel.. Ich bin einiges durchgegangen und habe noch so viel vor; jenseits aller Formen und Namen.. Wieso könnten manche Menschen jeden in eine Kategorie stecken, in der sie nicht einmal sie selbst stecken, und wieso würde ich das mit mir machen lassen? Erkenne ich meinen eigenen Wert nach all dem, was ich in meinem Leben erlebt habe? Oder sehe ich mich unbewusst auch die ganze Zeit als nur ein Pferd, weil man mir immer dieses Gefühl gegeben hat und gibt? Wie viel wert bin ich denn nun? Wie viel Euros koste ich die Stunde?!

(c) Su Fee G.; DuoSouL Photography
Am Ende des Tages habe ich meine eigene Antwort gefunden: Meine Grenze ist Grenzlosigkeit, welche besonders nach dieser Erfahrung dort aufhört, wo man mich wieder in Grenzen stecken will. Mein Wert ist unbezahlbar, weil ich es mir heute selber gebe. Und wieder am Ende des Tages bin ich dankbar für dieses Gespräch, welches mich von einer wahren Demütigung zum höchsten Himmel gehoben hat. Ich bin darüber froh zu erkennen, dass ich mich aus dem Zeitgefängnis befreit habe!

Wir hatten dann doch ein angenehmes Ende, wo er mir den Ratschlag gegeben hat, mich zu zeigen. Die Leute wollten sehen.. Und da muss ich ihm doch Recht geben, das stimmt.. Ich sollte mich öffnen und zeigen. So, hier bin ich. Ich öffne mich aber für die, die sehen können und hier bin ich! Ich werde mich nicht mehr zwingen, mich zu zeigen. Hier bin ich, wenn jemand gerne zuhören und zusehen möchte. Ich bin auf der Suche, wo ich ständig weiterlerne, wo man mir zuhören will und denen ich natürlich auch zuhören will. Mein Trost zu diesem unschönen Erlebnis ist:

“Nur ein/e Meister/in kann eine/n Meister/in erkennen.”

 

(c) Su Fee G.; DuoSouL Photography

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